
Von Grau und Grauer
Wir möchten nochmal weg dieses Jahr. Ein paar Tage Workation, Tapetenwechsel zum grauen Herbst in Stuttgart. Ich fange also an zu recherchieren und komme mit einem großartigen Plan zu Ben: Citytrip nach Berlin! Im November! Yay!
Die Idee ist bei genauerem Überlegen doch irgendwie… schwachsinnig, ist zwar ein Tapetenwechsel, aber die Tapete ist noch grauer und noch kälter als in Stuttgart. Manchmal habe ich einfach fantastische Einfälle 🥸
Ben nimmt meinen großartigen Vorschlag allerdings sportlich und macht ganz diplomatisch ein Gegenangebot: Sevilla! Südspanien! Da ist es warm und sonnig! Yay!
Ok ok, damit wir kommen der Sache schon näher. In Sevilla hat es Anfang November immerhin milde 23 Grad tagsüber und kurzentschlossen wird gebucht.
Spoiler: war die beste Entscheidung, die Workation hätte schöner nicht sein können.
Wir kommen Dienstag Nachmittags in unserer Unterkunft an – ein Träumchen auf 30qm. Aber der Platz ist gut genutzt und alles Notwendige vorhanden: Küchenzeile mit Kühlschrank und Kaffeemaschine, sauberes Bad, bequemes Bett und -last but not least für eine Workation- ein Tisch mit zwei Sitzgelegenheiten und Platz für einen externen Monitor.
Wir lassen es uns nicht nehmen und spazieren natürlich zuallererst mal los in die Altstadt, nachdem wir unser Gepäck im Zimmer ausgepackt haben. Die Altstadt samt Stadtzentrum ist von unserem Distrikt nur etwa 15 Minuten zu Fuß entfernt. Und schon diese funktionellen 15 Minuten sind sehenswert, überhaupt ist die ganze Stadt eine einzige Aneinanderreihung schöner Ecken. Von maurischen Palästen bis zu modernistischen Holzkonstruktionen ist hier alles zu finden.
Sevilla takes us by surprise
Wir kommen aus dem Staunen kaum raus, das wird sich aber auch während der kommenden Tage nicht ändern. Der erste Eindruck von Sevilla wird auch der einzige bleiben – nämlich wie schön es hier ist.






Aber ein erster Tag an einem fremden Ort birgt natürlich immer auch seine Risiken. Zum Beispiel in einem Touri Restaurant zu landen… und genau da sitzen wir jetzt, zwischen einem britischen und einem holländischen Pärchen und mit viel zu lauten Straßenmusikanten im Nacken. Dafür sind immerhin die Oliven zu groß, der Salat zu klein und das Wasser zu kalt 😉
Macht aber nichts, so haben wir erstens was zum Lachen und zweitens kann die Kulinarik ab hier nur bergauf gehen. Wir kommen in den nächsten Tagen schon noch zu unseren Tapas und anderen örtlichen Spezialitäten.
Mittwochs haben wir nochmal einen gemeinsamen freien Tag und starten gleich morgens auf einem lokalen Markt ums Eck unserer Unterkunft. Kleine Spezialitäten am Spieß, Café und frisches Obst lassen den Tag schon vielversprechend starten.






Wir marschieren wieder in Richtung Altstadt, an der imposanten Kathedrale vorbei und in Richtung Santa Cruz – das Herz der Stadt. Unzählige kleine Gässchen laden zum Flanieren, Bummeln und Verweilen ein während die vielen kleinen Plazas mit ihren Cafés locken.



hübschen Plazas


Außer Santa Cruz steht heute noch die Plaza de España auf dem Programm. Und während man von außen bzw. von der Seite, von wir uns nähern, zunächst kaum etwas erahnt hinter großen Mauern, ist der „innere“ Bereich mit seiner offenen Architektur und der Parkanlage dahinter ein wahres Prachtstück.
Die Touristenmengen hier ziehen natürlich auch Straßenkünstler an, und so bekommen wir die Gelegenheit unsere erste Flamenco Show zu beobachten. Die gibt dem Ort genau die richtige musikalische und tänzerische Untermalung.

Plaza de España








Die nächsten beiden Tage sind wir einiges am Abarbeiten und erst am späteren Nachmittag draußen unterwegs. Aber alleine schon die Tatsache, die Mittagspause mit Sonne im Gesicht zu verbringen, ist ein totaler Gamechanger. Und mit dem kleinen Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite von unserer Unterkunft haben wir auch schon Freundschaft geschlossen, wir sind ja jeden Tag zweimal da und haben uns auch für die nächsten 7 Tage angekündigt zum alltäglichen Besuch.
Freitags nach Vorlesungsende und zum Start ins Wochenende legen wir direkt los mit dem Touri Programm: wir haben einen Zeitslot im Real Alcázar am Nachmittag ergattert und schauen uns den königlichen Palast an. Ursprünglich als maurisches Fort mit islamischen Einflüssen errichtet, wurde er konstant erweitert und ab dem 13. Jahrhundert dem christlichen Kulturkreis zu Eigen gemacht. Noch heute weilt dort die spanische Königsfamilie, wenn sie sich in Sevilla aufhalten.







So viele verwinkelte Orte hier ♡

der Beweis, dass wir hier waren
Wir hatten leider etwas getrödelt und dachten außerdem, dass wir mehr Zeit hätten… die Räumlichkeiten im Palast waren beeindruckend, von den Gartenanlagen haben wir aber leider kaum etwas gesehen. Wir wurden nämlich eine Stunde früher rausgekehrt als geplant.
Von Tapas und spanischen Stolpersteinen
Auf dem Heimweg gibt’s für uns noch ein alkoholfreies Bier und Tapas in einer richtigen, waschechten Tapas Bar ganz ohne Touristen.
Weil die Bar aber so sehr lokal ist, wird auch kein englisch gesprochen. Mit unserem spanisch Kurs von vor zwei Jahren kommen wir mit ein bisschen Small Talk und Essensbestellungen allermeistens ganz gut zurecht.
Was uns überfordert, ist dann aber die chaotische Bedienung hinterm Tresen. Ein bisschen durchgepeitscht von der übervollen Bar und einer vermutlich seeeehr langen Schicht, erklärt sie uns ein paar der Gerichte. Ihr spanisch ist zu schnell, wir verstehen nicht alles – sie versucht es zwischendurch auf englisch, aber auch das verstehen wir nicht. Diesmal liegt es aber nicht an uns 😬
Nach einer Weile Kauderwelsch aus spanisch, deutsch und eventuell klingonisch haben wir also unsere Bestellung aufgegeben und sind zuversichtlich, was die Auswahl der Tapas angeht. Bis die Bedienung zu uns zurückkommt… obwohl sie anfangs etwas irritiert von den deutschen Touristen mit dem gebrochenen Spanisch wirkte, scheint sie uns doch ganz sympathisch zu finden und fängt an zu erzählen. Was sie uns alles erzählt, sind wir uns nicht so ganz sicher.
Was sie auf jeden Fall deutlich formuliert auf englisch, ist dass ihre gleichaltrige Kollegin der Vater ihrer Mutter sei. Äh, what? Nach ein paar weiteren wenig sinnvollen Sätzen stellen wir uns also schon die Frage, was wir wohl zu essen bestellt haben. Genauer gesagt, was wir bestellt haben, wissen wir… was unsere Bedienung verstanden hat, ist allerdings die Frage. Sender-Empfänger-Prinzip par excellence.
Weil wenn die ähnlich alt aussehende Kollegin der Vater der Mutter unserer Bedienung ist… dann ist vermutlich unsere bestellte Paprika und der Fisch auch möglicherweise sowas wie Rinderhaut und Fischaugen. Vamos a ver, wir werden sehen.
Von Haut und Würmern
Was dann kommt, ist überraschend und hat ein bisschen was vom Dschungelcamp:
Runde 1, gegrillter Paprikasalat war soweit wie bestellt und erwartet, außerdem sehr lecker.
Runde 2, Kichererbseneintopf, wird dann schon spannender. Im Tapasschälchen sind zwar ein paar Kichererbsen zu sehen (success!), aber der Rest sieht irgendwie fleischig aus. Aber auch nicht wie man das sonst so kennt, sondern großporig und hat was von Hautschichten… Nuja, hilft ja nüscht und ich probiere. Denn bestellt ist bestellt und das Tier (sofern es eines war) ist leider auch schon tot. Nicht essen bringt das Tier schließlich nicht zurück und wäre lediglich Lebensmittelverschwendung
Also probiere ich den labbrigen Haut-/Fleisch-/Sonstwas-Lappen: „Wuäh“ als Kurzfassung trifft es am ehesten. Die Soße drumrum ist gut, die Kichererbsen picken wir raus, aber mehr als zwei Stückchen bekomme ich nicht runter. Ben ist tapfer und versucht auch mal, aber auch er kriegt es nicht runter. Schade, die Schale geht also noch halb gefüllt wieder zurück. 😢
Eine Order ist noch offen, Ben hat Fisch bestellt. Melva, ähnliche wie Makrele meinte die Bedienung und sagt auch Google, mit Artischocke. Zumindest glauben wir, das so bestellt zu haben, sagen wir mal so. Was unsere Bedienung dann draus macht, ist ja nochmal was anderes.
Applaus für Runde 3, ein Fisch der aussieht wie gräuliche Würmer. Artischocke ist drunter, aber was das obendrauf ist – keine Ahnung, „so ähnlich wie Makrele“ ist das jedenfalls nicht.
Die Form erinnert an Würmchen, oben grau und unten weiß.
Aber vielleicht ist die Aufteilung auch links rechts, ich interpretiere oben grau und unten hell nur, weil Fische von der Farbaufteilung am ehesten so anzutreffen sind. Aber vielleicht ist das ja auch gar nichts Fischartiges. Wir sind beide überrascht, aber wie bei den Hautlappen wird natürlich auch hier probiert: Gaaaar keine Ahnung, was das ist. Geschmacklich ok, schmeckt nach nicht viel.
Auch im Schnittbild zero Anhaltspunkte: Keine Knochen/Gräten/Flossen/Darm, es gibt keinen Anfang und kein Ende. Selten so ratlos meinen Teller angeschaut, Fisch, Fleisch, Gemüse? Und wenn ja, was?
In Thailand gab’s schon Insekten an Balsamico Dressing und gegrillten Skorpion, das ging alles und war sogar einigermaßen lecker. Aber was mich tatsächlich an meine kulinarische Grenze bringt, ist diese niedliche Tapasbar in Sevilla 😅
Offensichtlich habe ich deutlich größere Probleme damit, nicht zu wissen, was ich esse als wenn es einfach nur etwas „sehr ungewöhnliches“ ist. Geht nicht, ich bekomme die Fischwürmchen oder whatever it is nicht runter. Ben ist im Gegensatz zu mir ziemlich unerschrocken und isst auf, geschmacklich war’s ja auch in Ordnung/neutral. High five für die Performance!




Absolut gar keine Ahnung

Puh, geschafft. Wir bestellen kein weiteres Tapasschälchen, reicht für heute mit den Kulinarikabenteuern. Dafür gibt’s noch ein zweites alkoholfreies Bier, „tostada“ ist der Knaller. Da wird das Getreide zusätzlich geröstet, schmeckt ein bisschen wie Malzbier aber weniger süß. Sehr empfehlenswert.
Am restlichen Wochenende wird vor allem eines gemacht – nichts konkretes. Ausschlafen, frühstücken gehen, bummeln, rumspazieren, Stadt anschauen und vor allem alles ohne Zeitdruck. Este es la vida, so muss das!

brunchen











Die nächste Woche bin ich dran mit Vorlesungen halten. Allerdings haben wir Mittwoch und Donnerstag nochmal zwei gemeinsame Urlaubstage, die Woche wird also kurz.
Montag und Dienstag geht’s nach der Vorlesung vor allem nochmal raus, Sonne tanken, spazieren und Eindrücke sammeln. Außerdem laufen wir nochmal zur Plaza de España, die 1929 zum Zwecke der iberoamerikanischen Ausstellung gebaut wurde. Die halbkreisförmige Gestaltung des Gebäudes soll übrigens eine Umarmung der ehemaligen lateinamerikanischen Kolonien durch Spanien darstellen.















Mittwochs vormittags haben wir den zweiten Must-See Programmpunkt: ein Eintrittsticket in die pompöse Kathedrale von Sevilla und ihrem 104m hohen Glockenturm La Giralda. Holy Moly.
Die heutige Sehenswürdigkeit wurde zwischen 1176-1198 eigentlich als Moschee erbaut, bevor sie ab ca. 1248 dann zum christliches Objekt konvertiert wurde.
1987 wurde die Kathedrale von Sevilla, übrigens eine der größten Kirchen weltweit, zum Unesco Weltkulturerbe erklärt. Zu bewundern gibt es in den einzelnen Kirchenschiffen, den Gartenanlagen und dem Glockenturm „La Giralda“ mehr als genug. Sogar Teile von Christopher Columbus‘ Überresten lagern bis heute in der Kathedrale.















Donnerstags geht es für uns dann wieder zurück nach Stuttgart. Genug Sonne für den Moment, außerdem verlassen wir Sevilla gerade rechtzeitig vor dem Regen – die nächsten Tage ist das Wetter nämlich eher schlecht angesagt, wir hatten wirklich Glück mit dem Timing unseres Aufenthalts. Und man soll ja sein Glück bekanntlich nicht strapazieren, also geht es mit der getankten Sonne im Herzen wieder zurück ins Schwabenländle.
El fin. ♡

