
Da sind wir also im Norden Vietnams – und zur Begrüßung ist es kühl und nieselt und es ist eine willkommene Abwechslung zur Hitze.
Nach einigen Panikattacken meinerseits, erst weil der Online Checkin nicht funktioniert („Sorry, wir haben keine Buchung vorliegen“) und wir dann auch an einer riiiiiiesen Checkin-Schlange am Flughafen stehen mit gefühlt viel zu wenig Puffer, bin ich schon fix und alle bevor wir überhaupt losfliegen. Solche Momente sind mein absoluter Alptraum und ja, ich gehöre zu den Menschen, die tatsächlich 3 Stunden vor Abflug am Flughafen sind. Langer Rede, kurzer Sinn: Es hat schlussendlich alles geklappt und wir kommen am späten Nachmittag in unserem neuen Zuhause auf Zeit an.


und Waschküche

Da wir in Hanoi planen für etwa 10 Tage zu bleiben, ist es diesmal eine Wohnung geworden. Dann muss man nicht dauernd nach einem Café suchen, in dem es sich arbeiten lässt, sondern wir arbeiten von zuhause aus (meistens jedenfalls).
Asiatisch clever geschnitten, haben wir auf wenigen Quadratmetern in einer -technically 1-Zimmer-Wohnung- ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, Küche, Esszimmer und Bad. Außerdem ist das die erste Unterkunft, in der alle Lichter inkl. der Deckenleuchte „schön“ sind (also kein kaltweißes Licht oder Flackerlichter, sondern gemütliches warmweißes Licht). Wir sind direkt schockverliebt und freuen uns auf die kommenden Tage in der vietnamesischen Hauptstadt, bevor unser Rollerabenteuer durch Vietnam losgeht – das angepeilte Herzstück der Reise!
Hanoi… im Herzen Asiens
Vietnam fasziniert uns wirklich ab Minute 1: Im Vergleich zu Thailand ist hier das Upgrade auf Asien 2.0. Es ist exotischer, asiatischer, fremder, spannender, lauter, voller. Müssten wir Hanoi in einem Wort zusammenfassen, es wäre „wild“.
Tag 2 in Vietnam ist ein Sonntag und den verbringen wir auch wie einen: erstmal ausschlafen und dann losstiefeln. Wir spazieren um den Westlake, den größten See der Hauptstadt und lassen die Stadt auf uns wirken. Es ist kalt, neblig, bewölkt und an manchen Stellen kann man den See nicht vom Horizont unterscheiden. Macht aber gar nichts, der Kontrast im Wetter macht nur noch etwas deutlicher, dass wir in einem neuen Land angekommen sind.






Die erste Kaffeespezialität des Tages wird Kaffee mit gesalzener Sahne on ice – klingt seltsam, schmeckt aber überraschend lecker. Irgendwie auch logisch, die meisten Spezialitäten schmecken gut, sonst wären sie auch direkt in der Schublade der Vergessenheit gelandet.
Wir spazieren weiter ums Ufer des Westlake, entdecken Spielplätze, sehen jede Menge Locals ihre Zeit genießen. Außerdem landen wir in einer Gabenzeremonie für’s neue Jahr – hier kann man seinen Namen und seine Herkunft auf einen chinesischen Zettel schreiben lassen und zusammen mit Opfergaben (bspw. angerauchte Zigaretten -no kidding-, Essen, Blumen etc.) an den Schreinen ablegen.
Wir haben uns an der Station mit den chinesischen Schreibern zwar etwas auf den Zettel schreiben lassen, aber die Zettel nicht abgelegt. Bis wir geschnallt haben, was es überhaupt mit der ganzen Sache auf sich hat, hat es eine Weile gedauert und wir waren schon ein ganzes Stück weiterspaziert.



Das ewige Verkehrschaos
Zum Abschluss sind wir noch in die Old Town, also die Altstadt mit ihren engen Gassen und den vollen Straßen. Völlig beeindruckt von den vielen Eindrücken, neuer Kultur, neuer Sprache, den vielen Läden (einer am nächsten und alle gerammelt voll mit Waren) und dem Gewusel auf den Straßen, verziehen wir uns abends erstmal wieder in die Wohnung und versuchen die Eindrücke zu verarbeiten.
Der Verkehr in ganz Hanoi war schon jenseits von geisteskrank, aber am extremsten war es in der Altstadt. Noch NIE habe ich so viele Roller, Autos, Fahrräder und Fußgänger so wahllos (und doch funktionierend) durcheinander fahren sehen.
Noch nichtmal auf dem Gehweg ist man hier Fußgänger sicher, mehrfach wurden wir -auf dem Gehweg!- von Rollern angehupt oder sind kurz vorm Zusammenstoß auf die Seite gesprungen. Nicht einmal in den engsten Gassen (und davon gab es viele) hat man sich sicher gefühlt, die Angst vom Roller überfahren zu werden war allgegenwärtig.
Man muss den Vietnamesen allerdings zugute halten, dass das hier schon ein eigenes System gibt. First of all, niemand schaut nach hinten (es gibt auch keine Rückspiegel, oder sie sind gen Himmel gedreht, so dass man darin nichts sieht) und alle konzentrieren sich auf vorne. Man ist immer für alles gewappnet: egal ob unerwartetes Bremsen vom Vordermann oder plötzlicher Querverkehr auf einer 8-spurigen Straße. Wir sehen immerhin auch keinen einzigen Unfall, obwohl es mich schon ein wenig wundert. Trotzdem ist mir flau im Magen beim Gedanken daran, hier selbst rumzudüsen in ein paar Tagen.
Bis dahin ist aber noch ein wenig Zeit und die vertreiben wir uns mit Arbeit, etwas Sight-Seeing, Sport und Pho essen.









Wir erfahren außerdem, dass unsere Unterkunft im japanischen Viertel von Hanoi liegt, das erklärt auch die vielen Sushi Läden um uns herum. Als wir uns an einem Abend in einer der vielen kleinen Gassen fast verlieren, stehen wir auf einmal vor einem Vietnamesen, der Banh Mi verkauft… meistens ist hier schon die Verständigung auf englisch schwierig und wir nutzen Google Translate meist auf gut Glück. Aber mit unserem neuen Freund Hung ist das kein Problem – der kann nämlich unsere Bestellung auf deutsch entgegennehmen, er hat nämlich auf Norderney seine Gastro-Ausbildung gemacht und 20 Jahre dort gelebt. Zufälle gibt’s!

Abenteuer Train Street
Neben dem salzigen Sahne-Kaffee haben wir auch den berühmten Egg-Coffee probiert. Und das auch noch in der Train Street: eine sehr schmale Straße durch die ein Zug durchfährt… und dafür, dass die Straße wirklich sehr schmal ist, fährt der Zug verdammt schnell! Hätt’s daheim so nicht gegeben.
Aber eigentlich ist die Train Street aus Sicherheitsgründen für Touristen gesperrt und Wachen sind an den Eingangsstellen zur Train Street postiert. Die Cafébesitzer:innen in der Train Street leben aber von den Touris. Ihr seht das Dilemma. Es hat sich daher ein neues System eingebürgert: die Gastronom:innen bezahlen die Wachen nach Anzahl der Touris, die sie mit reingenommen haben. Das erklärt uns ein amerikanisch-vietnamesisches Pärchen, das wir beim Egg-Coffee kennenlernen.
Egg-Coffee wurde etwa in den 1940er Jahren erfunden. Aus einem Mangel an Milch haben sich die Vietnamesen etwas ganz eigenes überlegt und die Milch im Kaffee durch Eiweiß ersetzt. Auch hier: klingt seltsam, schmeckt aber schon wieder sehr lecker. Ist aber irgendwie logisch, denn wenn’s eklig wäre, hätten sie den Eierkaffee sicherlich in 1940 belassen und nicht bis 2024 beibehalten.




Falls ihr in nächster Zukunft nach Vietnam reist: wir haben von dem internationalen Pärchen außerdem gelernt, dass der erste Kunde des Tages wegweisend ist für den restlichen Verlauf an diesem Tag – ähnlich wie im arabischen Raum.
Reklamen, Retouren, Mängel etc. daher bitte immer erst am Nachmittag, sonst wird einem armen Ladenbesitzer der restliche Tag versaut.
Mit dem Roller durch Vietnam… oder auch nicht
Frisch gestärkt vom Eierkaffee gehen wir zum Rollerverleih unseres Vertrauens und checken die Lage schonmal ab, was die Miete für 3-4 Wochen kostet, wo wir den Roller im Süden wieder zurückgeben können etc. So weit, so easy.
Dann folgt der Auftritt meines inneren Kontrollettis: wie ist das denn hier mit der Versicherung im Straßenverkehr? HA! Hab die Schwachstelle entdeckt – leider 😦 Es gibt eine Kaskoversicherung beim Verleih, die deckt irgendwas um die 5.000€ ab.
Ganz kurzer Versicherungs-Exkurs, ich hab das nämlich mal gelernt: Kaskoversicherungen sind für Eigenschäden – die Kfz-Haftpflicht kümmert sich um die Schäden, die einem Dritten zugefügt werden. Deshalb ist die Kfz-Haftpflicht zuhause auch Pflicht, damit man im Falle der Haftung für den Schaden auch bezahlen kann (also die Versicherung zahlt dann, außer man handelt grob fahrlässig oder vorsätzlich. Juristisch könnte ich hier auch weiter ausführen, für grob fahrlässig und vorsätzlich hat das eine Semester Jura gereicht).
5.000€ für Eigenschäden ist aber egal, den Leihroller könnten wir zur Not auch so ersetzen. Medizinische Versorgung von uns wäre über die Krankenversicherung abgedeckt. Die Privathaftpflichtversicherung leistet zwar im Ausland, aber nur wenn man als Fußgänger oder Radfahrer einen Verkehrsunfall verursacht – nicht, wenn man dabei ein Kfz führt. Ihr seht die Lücke?
Was nicht abgedeckt ist, sind die Personenschäden Dritter, solange wir auf dem Roller sitzen. Und das wird ganz schnell ganz arg teuer, da ist dann nichts mehr mit dem Portokässchen zu regeln. Mit etwas Glück übernähme die Krankenkasse der anderen Partei deren Behandlungskosten… aber Versicherungen leben nunmal nicht von Großzügigkeit, sondern von cleverem Kalkül. Und das Geschäftsmodell sieht keine Auszahlung aus Nächstenliebe vor. (Das tun aber die allerwenigsten Geschäftsmodelle, also kein Grund zu dolle auf Versicherungen zu schimpfen.) Which means im Umkehrschluss, wenn es einen Schuldigen gibt (das wären im worst case wir), dann wird natürlich auch geschaut, dass die verantwortliche Person für den Schaden haftet. Nein, danke.
Wir sind in Hanoi sogar zu einem großen Versicherer vor Ort gewesen, um uns schlau zu machen und eine Police abzuschließen – geht aber nicht für ein Leihfahrzeug. Die Haftpflichtversicherung wie bei uns zuhause gibt es hier gar nicht bzw. nur bedingt, das wird hauptsächlich als Scam angesehen.
Unnötig zu erwähnen, aber bei dem crazy Verkehr hier und ohne Versicherungsschutz für den echten Notfall, in dem man dann wirklich auf eine Versicherung angewiesen wäre (Personenschaden an Dritten), möchte ich hier nicht rumdüsen.
In Bens internationalem Führerschein ist außerdem nicht das notwendige Feld für Klasse A1 oder A ausgefüllt… Fail. So ist das eben, wenn die Planung „ganz easy nebenher läuft“.
Wie kann man also eine (versicherte) Rollertour durch Vietnam machen? Indem man sich einen Roller selbst kauft, diesen dann versichert und indem man eine offizielle Motorradfahrerlaubnis im internationalen Führerschein stehen hat (which means man muss den regulären Motorradführerschein in Deutschland machen und kann sich das dann im internationalen Führerschein eintragen lassen).
So weit, so easy. Wir versuchen unser Glück nochmal irgendwann in der Zukunft, dann aber mit besserer Vorbereitung. 🙃
Reiseplanung… schon wieder
Die nächsten zwei Tage überlegen wir also, wie wir die weitere Reise gestalten. Parallel genießen wir die Großstadtluft, schauen uns Dune 2 an (sehr empfehlenswert!) und futtern uns durch die vietnamesische Küche.
An einem besonders nebligen Tag (in Hanoi ist es immer neblig, sogar an sonnigen Tagen, haben wir keinen Himmel gesehen) mit 3 Shirts und 2 Jacken übereinander trotz angesagter 30 Grad, beschließen wir also die neue Route.
Da die bisherige Routenplanung eher weniger stringent befolgt wurde, schmeißen wir die Planung jetzt ganz einfach komplett über Bord. Morgen müssen läuft unsere Hotelbuchung aus und wir sind bereit, weiterzuziehen.
Ha Long Bucht noch etwas weiter im Norden? Wäre schon schön (Weltkulturerbe), aber auch dort bescheidenstes Wetter angesagt und wenn wir von der Bucht vor lauter Nebel nichts sehen, dann bringt das ja nun auch nichts.
Wir drehen also kurz am Riesenrädchen und beschließen, morgen nach Bali zu fliegen. Für die Einreise brauchen wir auch direkt den Ausreisenachweis… Vielleicht die Philippinen als nächstes, wenn wir schon „in der Ecke“ sind? Ja doch, klingt gut. Gesagt, gebucht. Jetzt noch fix packen, eine letzte Pho essen und dann geht es morgen Früh ab nach Indonesien. 🥳













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